Raum-Bilder / Bild-Räume
von Anja Osswald
(Auszug)
Die Kategorie Raum ist untrennbar mit der Gerichtetheit unseres Sehens verbunden. Der Blick konstruiert und rekonstruiert Räume und Entfernungen. Jede Raumerfahrung impliziert daher auch eine motorische Er-fahrung. In den Axiomen von Senkrechte und Waagerechte, die anthropologisch im aufrechten Gang des Menschen und in der Horizontlinie festgelegt sind, durchmessen wir den Raum, schätzen dessen Tiefe und Weite ab.
Räumliche Parameter spielen bei der Wahl der Settings in fast allen Videoarbeiten von Ariane Pauls eine wichtige Rolle. Ihre Architektur- oder Landschaftssequenzen zeigen ein auffälliges Interesse an Perspektivkonstruktionen, wobei der Illusion von Tiefe und Weite eine zentrale Bedeutung zukommt. In der Videoprojektion 6058 x 2438 x 2591 (2007) suggeriert die Horizontlinie des Meeres eine Tiefe des dargestellten Landschaftsraumes und in den Archivaufnahmen, die das Ausgangsmaterial für 42 000 lfm bzw.
280 000 lfm (beide 2007) bilden, öffnen die Korridore zwischen parallel angeordneten Regalreihen eine perspektivische Sicht. Die titelgebenden Massangaben verweisen auf eine räumliche Ausdehnung der Regalwände, deren parallele Anordnung auf einen imaginären Fluchtpunkt in der Tiefe des Bildraumes zuzulaufen scheint. Die Illusion von Tiefe in diesen Inszenierungen ist durchaus suggestiv. Der Blick des Betrachters zoomt hinein in die dargestellten Räume-und findet doch keinen Halt darin, wird immer wieder zurückgeworfen an die Bildoberfläche. Das liegt vor allem an Ariane Pauls' Bearbeitung des filmischen Materials. Durch Strategien der Dopplung bzw. der seriellen Anordnung der Aufnahmesequenzen erzielt die Künstlerin eine Verflächigung des Bildraums.
In der Videoinstallation Ohne Titel (2006) ist es die Verdunklung der Szenerie, die einen ähnlichen Effekt erzeugt. Ein dunkler rohbauartiger Raum-eine Baustelle, eine Tiefgarage?-wird in einem 360-Grad-Schwenk mit der Kamera abgescannt, wobei im Licht eines Diaprojektors in unregelmässigen Abständen Fragmente dieses Raumes beleuchtet werden. Der Betrachter vermag die Räumlichkeit der dargestellten Situation nicht zu erfassen. Sein Blick wird durch den Kameraschwenk buchstäblich umgelenkt. An die Stelle einer vertikalen Bewegung 'in' die Bilder tritt eine horizontale Bewegung 'am Bild entlang'. Die Bilder streuen in die Breite, der Raum zieht sich zusammen, kontrahiert gleichsam in die Oberfläche des Bildes. Damit akzentuieren die Inszenierungen Ariane Pauls' eine Differenz zwischen Oberflächenwahrnehmung und Raumbild, die Gaston Bachelard in seiner 'Poetik des Raumes' thematisiert. Im Unterschied zu den von ihm beschriebenen literarischen Raumbildern geht es Ariane Pauls allerdings weniger um eine psychologisch aufgeladene Dialektik von Innen und Aussen, von imaginären und objektiv gegebenen Räumen. Vielmehr interessiert sie als bildende Künstlerin die Bildproduktion dreidimensionaler Räume. Wie lässt sich ein Raum-Bild von einem Raum-Eindruck unterscheiden?
(vollständiger Text / pdf-Datei)
 |
 |
 |
 |